In diesem Blog

Wenn abends nur noch die Umrisse der Bäume am anderen Seeufer zu erkennen sind, fällt es leicht, sich eine Geschichte vorzustellen, die hinter diesem Wald weitergeht. Eine Reise über dunkles Wasser. Ein fernes Haus. Eine Gastgeberin, die genau weiss, was sie von ihren Besuchern verlangen wird.
Im Kalevala hat eine solche Frau einen Namen: Louhi, die Herrin von Pohjola. Sie verhandelt mit den Helden, verfügt über Zauberkräfte und verteidigt den Wohlstand ihres Landes. Wer sie kennenlernt, entdeckt eine der spannungsreichsten Figuren der finnischen und karelischen Erzählwelt.
Woher die Geschichte von Louhi stammt
Das Kalevala ist ein Epos, also eine umfangreiche Dichtung, in der sich Geschichten von Weltentstehung, Reisen, Liebe und Macht miteinander verbinden. Elias Lönnrot formte es im 19. Jahrhundert aus überlieferten Liedern und Gedichten. Auf eine erste Ausgabe von 1835 folgte 1849 die erweiterte Fassung mit 50 Gesängen.
Eine wichtige Grundlage bildete die mündliche Dichtung aus Karelien. Hinter dem gedruckten Buch stehen Menschen, die Geschichten sangen, erinnerten und weitergaben. Lönnrot ordnete dieses Material, verband Handlungsstränge und gestaltete Figuren. Das Kalevala trägt deshalb sowohl ältere Überlieferungen als auch die Handschrift seiner Entstehungszeit. Zur Entstehung des Kalevala
Wenn wir hier von Louhi erzählen, folgen wir der Gestalt im Epos. Sie gibt uns Einblick in eine literarische Welt, deren Wurzeln weit in die mündliche Erzählkultur reichen.
Die Herrin von Pohjola
Louhis finnische Bezeichnung lautet Pohjolan emäntä, die Herrin von Pohjola. Die Finnische Literaturgesellschaft beschreibt sie als Herrscherin und bedeutende Zauberkundige. Ihre Töchter werden von den männlichen Helden umworben, und Louhi nimmt in den Auseinandersetzungen um den geheimnisvollen Sampo eine zentrale Rolle ein. Die Figuren des Kalevala
Pohjola erscheint im Epos als fernes, dunkles Gegenüber zur Heimat der Helden. Es ist ein Ort, an den man reist, um etwas zu gewinnen, und an dem andere die Bedingungen bestimmen. Wer dort ankommt, kann sich seines Erfolgs nicht sicher sein.
Auf einer heutigen Landkarte lässt sich dieses Pohjola nicht festlegen. Der mythische Norden der Dichtung darf deshalb auch nicht einfach mit Lappland oder einem bestimmten Volk gleichgesetzt werden. Die Finnische Literaturgesellschaft erklärt, wie Lönnrot aus Motiven der Volksdichtung die beiden gegensätzlichen Gemeinschaften Kalevala und Pohjola entwickelte. Pohjola als Schauplatz
Der Sampo und der Streit um den Wohlstand
Ein grosser Teil des Konflikts dreht sich um den Sampo. Der Schmied Ilmarinen fertigt dieses wundersame Objekt für Pohjola an, in der Hoffnung, Louhis Tochter heiraten zu können. Es bringt Wohlstand und alles, was man zum Leben braucht. Häufig wird es als Wundermühle beschrieben; seine genaue Gestalt bleibt jedoch rätselhaft.
Später wollen Väinämöinen, Ilmarinen und Lemminkäinen an diesem Reichtum teilhaben. Louhi verweigert die Teilung. Daraufhin nehmen die Männer den Sampo mit Gewalt an sich. Zum Sampo
Hier lohnt es sich, beim Lesen kurz innezuhalten. Die vertrauten Helden sind diejenigen, die etwas rauben. Louhi ist die Herrscherin des Landes, aus dem der kostbare Gegenstand fortgebracht wird. Schon diese Ausgangslage macht die Geschichte vielschichtiger, als eine einfache Verteilung von Gut und Böse vermuten lässt.
Als Louhi sich in einen Adler verwandelt
Die Flucht mit dem Sampo gehört zu den eindrücklichsten Szenen des Kalevala. Väinämöinen spielt auf seiner Kantele, einem Saiteninstrument, und versetzt die Menschen von Pohjola in Schlaf. Gemeinsam mit seinen Gefährten holt er den Sampo aus seinem Versteck und bringt ihn auf das Boot.
Als Louhi erwacht und den Verlust bemerkt, setzt sie den Flüchtenden mit magischen Hindernissen zu. Dann nimmt sie die Verfolgung auf. Ihr Schiff geht zu Bruch, doch sie setzt den Angriff fort: In Gestalt eines gewaltigen Adlers erreicht sie das Boot der Männer.
Im Kampf greift sie nach dem Sampo. Er stürzt ins Wasser und zerbricht. Grössere Stücke sinken hinab, kleinere werden an die Küste getragen. Väinämöinen sammelt die angeschwemmten Bruchstücke, von denen er sich neues Gedeihen erhofft. Louhi kehrt mit einem kleinen Rest des Deckels zurück.
Der kostbare Gegenstand bleibt niemandem unversehrt erhalten. Gerade dieses Ende gibt der Szene ihre Schärfe: Der Kampf um den ganzen Reichtum hinterlässt auf beiden Seiten einen Verlust. Kalevala, Gesänge 42 und 43
Die Frau, die Sonne und Mond verbirgt
Louhis Macht endet nicht beim Kampf um den Sampo. In einer späteren Episode kommen Sonne und Mond herab, um Väinämöinens Spiel zu lauschen. Louhi fängt sie ein und verbirgt sie im Berg von Pohjola. Auch das Feuer nimmt sie den Menschen fort.
Ilmarinen versucht, neue Himmelslichter zu schmieden. Doch die kunstvoll gefertigten Ersatzstücke leuchten nicht. Erst nachdem weitere Versuche zur Befreiung unternommen werden und Louhi eine Bedrohung für sich selbst fürchtet, lässt sie Sonne und Mond wieder frei. Kalevala, Gesänge 47 bis 49
Beim Lesen in Finnland kann dieses Bild besonders eindrücklich wirken. Wer erlebt, wie sehr das Licht den Tagesrhythmus verändert, spürt vielleicht unmittelbar, was eine Welt ohne Sonne bedeuten würde. Das ist eine Verbindung, die wir heute beim Lesen herstellen können; die Dichtung selbst ist keine naturwissenschaftliche Erklärung der dunklen Jahreszeit.
Wie wir Louhi heute lesen können
Louhi verteidigt ihren Herrschaftsbereich, aber sie handelt auch grausam. Das Kalevala erzählt beispielsweise, wie sie Krankheiten über die Menschen von Kalevala schickt. Ihre Fähigkeiten machen sie zu einer gefährlichen Gegnerin. Kalevala, Gesang 45
Eine heutige Lesart kann beides ernst nehmen: ihre Verantwortung für das Eigene und den Schaden, den sie anderen zufügt. Man muss ihr Handeln nicht gutheissen, um ihre Beweggründe wahrzunehmen. Ebenso wenig müssen die männlichen Helden in jeder Szene moralisch überlegen sein.
Beim Lesen entsteht eine interessante Frage: Wie verändert sich die Geschichte, wenn wir für einen Moment auf der anderen Seite des Konflikts stehen? Der Raub des Sampo bietet dafür einen besonders anschaulichen Anlass.
Louhi als mächtige Frau zu betrachten, eröffnet eine Perspektive auf das Epos. Daraus lässt sich allerdings keine allgemeine Aussage über die tatsächliche Stellung aller Frauen im historischen Finnland ableiten. Eine literarische Figur bleibt vieldeutiger als ein Beweis für eine bestimmte Gesellschaftsordnung.
Eine Geschichte für einen Abend am Mökki
Für einen Einstieg ins Kalevala musst du nicht gleich das gesamte Epos lesen. Die Gesänge vom Raub des Sampo und von Louhis Verfolgung bilden einen spannenden Anfang. Ihre Bilder bleiben im Gedächtnis: die Musik, das schlafende Haus, das Boot auf dem Wasser und der riesige Vogel darüber.
Vielleicht passt diese Lektüre zu einem ruhigen Abend bei Mökki Tikka am Koirajärvi. Draussen liegt der See, drinnen ist Zeit für eine Geschichte. Dabei geht es nicht darum, die Handlung an diesem Ufer zu verorten. Es ist die eigene Umgebung, die der Vorstellung Raum gibt.
Und beim nächsten Blick über das Wasser erinnerst du dich vielleicht an Louhi: an eine Herrscherin, die ihren Besitz nicht aufgeben will, deren Zorn gefährlich wird und die sich den Helden mit aller Kraft entgegenstellt.
Häufige Fragen zu Louhi
Wer ist Louhi?
Louhi ist die Herrin von Pohjola im Kalevala. Sie besitzt Zauberkräfte und gehört zu den wichtigsten Gegenspielerinnen Väinämöinens.
Ist Louhi eine Göttin?
Im hier behandelten Kalevala lässt sie sich am genauesten als mächtige Herrscherin und Zauberkundige beschreiben. Die pauschale Bezeichnung als Göttin erklärt ihre Rolle nur unzureichend.
Ist Pohjola ein wirklicher Ort in Lappland?
Pohjola ist in dieser Geschichte ein mythischer Schauplatz. Es lässt sich keinem bestimmten heutigen Ort in Lappland zuordnen.
Wo kann ich Louhis Geschichte lesen?
Im Kalevala sind besonders die Gesänge 42 und 43 über den Sampo sowie 47 bis 49 über Sonne und Mond interessant. Eine ältere englische Übersetzung von W. F. Kirby ist bei Project Gutenberg frei zugänglich.
UnterkunftErlebnisse & RegionBlog














